Digitalisierung: Schöne neue Arbeitswelt? 

Eine Tour d’Horizon

Das erste Impulsreferat der Arbeitsrechtstagung 2020 – Digitalisierung: Schöne neue Arbeitswelt? wirft die Frage auf, ob die Digitalisierung die Unternehmenskultur frühstückt oder umgekehrt. Somit ob es die Digitalisierung ist, die zu neuen Arbeitsmodellen führt, welche eine neue Kultur nach sich ziehen oder ob eine neue Kultur zu neuen Arbeitsmodellen führt, die nach der Digitalisierung rufen.

Vor diesem Hintergrund geht die Tagung unter Verwendung des zwischenzeitlich schon fast zur Zauberformel gewordenen Begriffspaars Agilität und Digitalisierung darauf ein, welche Formen die digitalisierte Arbeitswelt annimmt und ob diese mit dem aktuellen Recht in Einklang zu bringen sind. Hierfür ist der Entgrenzung von (Arbeits-)ort und -zeit Rechnung zu tragen und darzulegen, wie den für den Arbeitsvertrag doch so typischen Fürsorge- und Treuepflichten noch nachzukommen ist. Von Behördenseite wird die vertragliche und sozialversicherungsrechtliche Stellung der Beschäftigten in der Plattformökonomie nach geltendem Recht dargelegt, der allgegenwärtigen Frage der gesetzlichen Lücke nachgegangen und über den Stand von allfälligen Gesetzgebungsvorschlägen berichtet.

Bereits das einleitende Referat bietet eine kurze Auslegeordnung der Herausforderungen von Big Data im Arbeitsverhältnis. Im zusätzlichen Beitrag zu Personendaten und Datenschutz mit drei Schwerpunkten kommt in der Folge Big Data erneut zur Sprache. Es spielt auch eine Rolle, um die Frage zu beantworten, was die rechtlichen Konsequenzen eines Personalmanagements mit Hilfe von Algorithmen basierten Tools sind. Hierzu ist zunächst darzulegen, was technisch möglich ist und in schweizerischen Unternehmen tatsächlich praktiziert wird. Dies sehen wir einerseits anhand von im Rahmen eines Schweizerischen Nationalfondsprojekts durchgeführten Erhebungen und andererseits anhand der Beschreibung des Lernprozesses eines grossen IT-Unternehmens (IBM) beim Einsatz von künstlicher Intelligenz im HR. Es wird auch der Stand der Forschung zur Frage widergegeben, ob Algorithmen zu Diskriminierung im Anstellungsverhältnis führen und wie diesem Umstand zu begegnen ist.

Eine weitere Ausprägung der durch die Digitalisierung hervorgebrachten oder ermöglichten Entgrenzung ist die Bildung von Matrixorganisationen, bei denen nicht immer klar ist, wer die Vorgesetztenfunktion und damit die Weisungs- und Beurteilungsbefugnis innehat. Bei der immer verbreiteteren Projektarbeit sorgen die Arbeitszeit und die Vorgehensweise bei Auflösung oder Fortsetzung oft für Verwirrung. Derartige neue Formen der Teamzusammenarbeit führen zur Frage, wie denn noch eine leistungsgerechte Entlöhnung sichergestellt werden kann und ob der Trend wohl gar vom individuellen Bonus zum Teambonus hingeht.

Das zweite Impuls-Referat eröffnet unter den Referierenden des Morgens und den zusätzlichen Gästen die Diskussion darüber, ob der Wunsch nach Individualisierung in Bezug auf die Arbeitsorganisation und das neue Führungsverständnis in der Arbeitswelt 4.0 mit den arbeitsrechtlichen Vorgaben, z.B. dem Gesundheitsschutz, im Konflikt stehen. Es hebt zusätzlich hervor, dass der digitale Wandel eine noch stärkere Veränderung der Berufsbilder eingeläutet hat und von den Beschäftigten lebenslanges Lernen und Weiterbildung verlangt. Unter anderem hierzu liefert ein grosses Schweizer Transportunternehmen (SBB) in einem separaten Referat unter dem Titel Unternehmerische und sozialpartnerschaftliche Gestaltung des digitalen Wandels erste Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Basisstudie Soziale Sicherheit und Arbeitsmarktfähigkeit (SBB).

Die Themen der Arbeitsrechtstagung 2020 sind vielseitig, sind aber gleichzeitig miteinander verbunden. Die vier frei wählbaren Sessions am Nachmittag bieten direkte Anschauungsbeispiele zu den über den Tag verteilten Fachreferaten. Trotz des dichten Programms besteht während der Pausen immer wieder genügend Gelegenheit zum Austausch mit anderen Teilnehmenden und den hochkarätigen Referierenden.

Treffen Sie Sara Licci an der Arbeitsrechtstagung 2020.